Nun will ich mich meinem Projekt „Regelversteher“ weiter widmen. Und heute gibt es den Regel-Klassiker schlechthin – die Drittel-Regel. Doch bevor gleich wieder die Lager der Regel-Nazis („Die Regel ist unser Führer!“) und Regel-Anarchisten („Tot den Regeln!“) in endlosen Materialschlachten alles niedermachen, will ich nochmal (und leider muss ich es immer wieder) sagen: Regeln sind gut und schlecht. Die Dosis macht auch hier das Gift.
Zu Risiken und Nebenwirkungen
Wer sich einer Regel widmet, sollte sich bewusst sein, dass diese ein begrenztes Haltbarkeitsdatum hat. Aber vor allem wird mit einer Regel ein Ziel verfolgt. Sie soll das Wachstum des Fotografierenden leiten/fördern/unterstützen und ihn zu neuen Ufern bringen.
Nehmen wir meinen Lieblingsvergleich für Regeln: Stützräder. Wer als Kind Dreirad fährt und groß genug geworden ist zum Radfahren, der steigt meist auf ein Fahrrad mit Stützrädern um. Man könnte auch ohne Stützräder Fahrradfahren lernen, doch mit geht es meist schneller und man fällt weniger auf die Nase. Doch wenn man dann einmal mit Stützrädern fahren kann, dann werden diese abgenommen. Kaum jemand käme auf die Idee, sich als Teenager mit seinem Fahrrad und Stützrädern bei seinen Freunden blicken zu lassen.
In der Fotografie ist es nun leider so, dass viele Erwachsene fanatische Radfahrer mit Stützrädern sind. Wieder andere möchten Stützräder komplett verbieten – selbst für kleine Kinder, die noch fahren lernen. Regeln sind geeignet, um Fähigkeiten weiterzuentwickeln, hat man die entsprechende Fähigkeit entwickelt, ist es Zeit loszulassen und die Fähigkeit zu nutzen, nicht die Regel.
Das Ziel im Visier
Die Drittel-Regel ist für die Fotografierenden als „Schwimmring“ sinnvoll, denen die Fähigkeit fehlt, Motive im Sucher gezielt zu platzieren. Wer also Bilder macht, in denen unbewusst immer das Hauptmotiv in der Bildmitte liegt, der kann sich mit der Drittel-Regel weiterentwickeln. Wer den Umgang mit der Platzierung gelernt hat und bewusst nutzt, der sollte die Regel links liegen lassen oder aufhören sich daran zu halten. Wer sich sein Leben lang strickt an diese Regel hält, der macht etwas falsch (oder ist lernresistent).
Die Regel sagt
Die Drittel-Regel besagt, dass man sein Bild gedanklich horizontal und vertikal in jeweils drei gleichgroße Teile gliedert. Horizonte oder ähnliche, dominante Linien sollten dann auf einer der Trennlinien liegen. Hauptmotive werden auf einen der Kreuzungspunkte der Trennlinien platziert.
Warum ist das nützlich?
Das Ganze macht daher Sinn, weil dem Anfänger (der meist sein Hauptmotiv in der Mitte des Bilds platziert) nicht nur einfach gesagt wird „Nimm dein Motiv aus der Mitte“. Das hinterlässt nämlich die Frage „Ja und wohin denn dann damit?“ Um diese Leere zu füllen, werden durch die Regel aus dem einen Punkt für die Platzierung (Mitte) nun vier mögliche Punkte. Für den Anfänger werden die Auswahlmöglichkeiten auf diesem Gebiet so deutlich erhöht und es werden Zielpunkte gegeben. Der Schritt von 1 auf 4 ist meist groß genug, um eine Herausforderung darzustellen und zwingt zur Entscheidung für und gegen bestimmte Punkte. Das ist einfacher als von einem auf unbegrenzt viele Punkte (ohne Zielvorgabe) zu gehen. Bei Einhaltung der Regel wird auf die bewusste Wahl der Platzierung hingewirkt, dass der Fotografierende lernt, diese Wahl bei jedem Bild zu treffen.
Auch bei der Platzierung der Horizontlinie wird auf die bewusste Entscheidung hingewirkt. Soll der Himmel mehr Gewicht bekommen oder der Boden? Unentschlossen setzt der Anfänger den Horizont in die Mitte, so macht er ja „nichts falsch“. Durch die Regel muss er sich aber entscheiden und Schritt für Schritt entwickelt sich eine größere Entscheidungskraft. Mit der Zeit wird er sich bewusster und immer sicherer für die eine oder andere Variante entscheiden können. Und auch hier wird durch die Regel die Auswahl von 1 (Horizont durch die Mitte) auf 2 (oben oder unten) erweitert und mit einem Ziel versehen (eine der Trennlinien).
So lernen Menschen
Wenn wir als Anfänger etwas lernen, dann erscheint uns zuerst die unglaubliche Anzahl an Möglichkeiten zu erschlagen. Durch eine Regel wird die Komplexität verringert und wir können zwischen einer übersichtlichen Anzahl an Möglichkeiten wählen. Dadurch bauen wir die Fähigkeiten und Sicherheit auf, die wir später brauchen, um emanzipierte Entscheidungen treffen zu können. Doch irgendwann sind die Lernhilfen (Regeln) keine Hilfen mehr und verhindern genau diese emanzipierte Entscheidung. Als erwachsener Mensch muss ich irgendwann den Schritt machen und nicht mehr das tun, was mir andere vorquatschen, sondern muss als freier Mensch Entscheidungen treffen.
Die vermeintliche Droge
Warum können aber so viele Fotografierer nicht wieder loslassen? Das liegt an der „magischen“ Erfahrung, die sie mit der Drittel-Regel gemacht haben. Zuvor waren die Fotos meist nicht viel anders als Knipsebildchen. Der Horizont läuft durch die Mitte und wenn eine Person im Bild ist, dann ist auch diese genau mittig. Langweilig, unentschlossen, 0815. Doch plötzlich hört man etwas von der Drittel-Regel und wie durch einen Zauber werden die Bilder auf einmal interessanter, weil sie sich vom Laiengeknipse deutlich unterscheiden. Plötzlich stechen die Bilder aus der Masse der unentschlossenen gemachten Fotos heraus. Und wahrscheinlich gibt es auf einmal auch Lob für die Fotos.
Das ist eine Droge, die viele in die Abhängigkeit treibt. Und wer den Entzug nicht schafft, ist fürs Leben gezeichnet. So beginnt eine Überbewertung der Drittel-Regel und die anderen Aspekte des Bildaufbaus treten in den Hintergrund (falls sie überhaupt wahrgenommen werden). Ausgewogenheit zwischen Flächen, Farben und Formen tritt hinter die Drittel-Doktrin zurück oder können dadurch nicht einmal erlernt oder wahrgenommen werden. Die Regel, die ihnen so viel Lob und (falsche) Anerkennung beschert hat, wird aus Dankbarkeit zum alleinigen fotografischen Leitbild erhoben.
Die magnetische Mitte
Die Drittel-Regel führt noch auf ein paar andere Dinge hin. Ein Bild mit dem Hauptmotiv nach der Drittel-Regel ausgerichtet ist meist spannungsvoller als ein mittig ausgerichtetes Hauptmotiv. Doch das liegt nicht so sehr an den Dritteln, sondern daran, dass die Mitte immer ein besonderer Punkt ist und alles zur Mitte strebt. Man erreicht diesen Effekt also auch, wenn man das Motiv einfach deutlich dezentral platziert.
Doch wieso strebt alles zu Mitte? Von den Herleitungen über die Gravitation will ich mal absehen, weil ich glaube unser Sehen spielt eine deutlich größere Rolle. Das menschliche Auge kann nur in einem sehr kleinen Punkt wirklich scharf sehen. Wenn wir also ein Motiv haben, das im Bild außerhalb der Mitte liegt, dann muss unser Auge zum Motiv wandern, um es scharf zu sehen. Wir sind uns aber der Begrenzung des Fotos bewusst und um das Foto als Ganzes wahrzunehmen, müssen wir unser Auge über das Bild bewegen. Das Hauptmotiv bekommt dabei die größte Aufmerksamkeit ab (im Idealfall). Kurz gesagt kommt es durch diese Augenbewegungen, die Position des Hauptmotivs und der zentrierten Natur unseres Sehens zur Spannung, wenn das Motiv deutlich außerhalb der Bildmitte liegt. Dazu vielleicht ein anderes Mal mehr (Literaturtipp: „The Power Of The Center“ von Rudolf Arnheim).
Drittel-Regel und der Goldene Schnitt
Es passiert immer wieder, dass aus Unkenntnis zwei Dinge vermischt werden, die nicht zusammen gehören. Ganz klar: Der Goldene Schnitt (Seitenverhältnis 1:1,618) ist etwas anderes als die Drittel-Regel (1:2). Die meisten Fotografierenden, die etwas vom Goldenen Schnitt erzählen würden diesen nicht erkennen können, selbst wenn ihr Leben davon abhinge. Die Drittel-Regel ist eine grobe Näherung des Goldenen Schnitts, die aber immer noch deutlich davon abweicht. Wenn der Goldene Schnitt wirklich so etwas Magisches ist, wie für die Leute, die ihn als heilige Kuh ansehen, wie kann dann eine Abweichung davon noch ok sein? Doch zum Goldenen Schnitt werde ich ein anderes Mal mehr erzählen.
Mein Leben mit der Drittel-Regel
Als ich anfing mich mit Fotografie näher zu befassen (1995), hat mir mein Gastvater Gabe die Drittel-Regel erklärt. Ab da war ich sehr darauf bedacht, diese Regel einzuhalten – nicht sklavisch, doch recht viele meiner Bilder wurden unter Berücksichtigung der Regel gemacht. Im Laufe der Zeit erkannte ich, dass es sehr langweilig und vorhersehbar wird, wenn alle Fotos nach der Drittel-Regel gemacht werden. Bald fing ich an darauf zu achten, dass diagonale Linien durch die Randpunkte des Drittelrasters (wo eine Trennlinie den Bildrand trifft) und die Ecken des Fotos laufen. Ich schuf mir unbewusst sozusagen neue eigene Varianten der Drittel-Regel.
Nachdem ich viele, viele tausende Fotos nach diesen Regeln gemacht habe, achte ich mittlerweile nicht mehr darauf, ob ich die Vorgaben einhalte. Ich habe für mich soweit gelernt, wie ich mit der Platzierung von Motiv und Linien umzugehen habe, dass ich die Stützräder längst nicht mehr brauche.
Es gibt jedoch Momente und Situationen, wo ich keine starke Meinung zur Positionierung (z.B. Mangel an Zeit) habe und dann wird für das eine oder andere Bild doch mal die alte Regel hervorgekramt und angewendet. Aber das ist eher selten. Und wenn gelegentlich meine Entscheidung von allein auf einen Punkt oder eine Linie fällt, die auch die Drittel-Regel vorschlägt, dann ist das kein Beinbruch. Ich fände es aber beschämend schlimm, wenn sich jemand meine Fotos anschaut und nach einer Weile feststellt, dass ich immer nach Schablone arbeiten würde. Das wäre in meinen Augen eine Bankrotterklärung für jeden, der über das Anfängerlevel der Fotografie hinaus gekommen sein will.
Fazit
Die Drittel-Regel ist eine Lern- und Entscheidungshilfe für denjenigen Fotografierenden, der sich über die Positionierung seiner Motive im Bild noch keine Gedanken gemacht hat. Es ist ein einfaches (aber trügerisches) Mittel, sich aus der Masse der absoluten Anfängerbilder (mit mittigen Motiven und Horizonten) abzuheben. Das im Freundes- und Bekanntenkreis steigende Lob für die Drittel-Bilder ist eine gefährliche Sache, auf der man sich nicht ausruhen sollte. Wer nur mit der Drittel-Regel „gute“ Fotos machen kann, der ist weit entfernt davon sich zu den Fortgeschrittenen seiner Zunft zählen zu können. Wer das auch nicht anstrebt, der kann als fortgeschrittener Anfänger mit der Drittel-Regel sein ganzes Leben glücklich fotografieren. Wer mehr will, muss sich irgendwann von der starren Anwendung der Regel lösen und seinen eigenen Weg finden. Am besten Chancen haben diejenigen, die von Anfang an überprüfen, was die unterschiedlichen Möglichkeiten der Regel in ihren Bildern bewirken.
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Meine Fotos heute …
Heute zeige ich ein paar Bilder vom 7. August. Am Cospudener See war eine tolle Abendstimmung und es war eine recht günstige Wolkenlage – nicht zu viele Wolken, dass kein Sonnenlicht mehr durchkommt, aber auch nicht zu wenige, dass es wirklich interessante Effekte gab. In den letzten Wochen war das der einzige Tag, an dem die Wetterumstände entsprechend gut waren (soweit ich das mitbekommen habe).
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Das war einer dieser Abende, wo ich einfach die umwerfende Szenerie genießen konnte – auch wenn klar war, dass kein Foto nur annähernd die Stimmung würde wiedergeben können. Schön, wenn man nebenbei immer mal den Knopf auf dem Kabelauslöser drücken kann und dann einfach tief durchatmen und dem Farbenspiel der untergehenden Sonne mit den Wolken zusehen.

















