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Regelversteher: Die Drittel-Regel

Montag, 3. Oktober 2011 - Torsten Winkler

Nun will ich mich meinem Projekt „Regelversteher“ weiter widmen. Und heute gibt es den Regel-Klassiker schlechthin – die Drittel-Regel. Doch bevor gleich wieder die Lager der Regel-Nazis („Die Regel ist unser Führer!“) und Regel-Anarchisten („Tot den Regeln!“) in endlosen Materialschlachten alles niedermachen, will ich nochmal (und leider muss ich es immer wieder) sagen: Regeln sind gut und schlecht. Die Dosis macht auch hier das Gift.

Zu Risiken und Nebenwirkungen

Wer sich einer Regel widmet, sollte sich bewusst sein, dass diese ein begrenztes Haltbarkeitsdatum hat. Aber vor allem wird mit einer Regel ein Ziel verfolgt. Sie soll das Wachstum des Fotografierenden leiten/fördern/unterstützen und ihn zu neuen Ufern bringen.

Nehmen wir meinen Lieblingsvergleich für Regeln: Stützräder. Wer als Kind Dreirad fährt und groß genug geworden ist zum Radfahren, der steigt meist auf ein Fahrrad mit Stützrädern um. Man könnte auch ohne Stützräder Fahrradfahren lernen, doch mit geht es meist schneller und man fällt weniger auf die Nase. Doch wenn man dann einmal mit Stützrädern fahren kann, dann werden diese abgenommen. Kaum jemand käme auf die Idee, sich als Teenager mit seinem Fahrrad und Stützrädern bei seinen Freunden blicken zu lassen.

In der Fotografie ist es nun leider so, dass viele Erwachsene fanatische Radfahrer mit Stützrädern sind. Wieder andere möchten Stützräder komplett verbieten – selbst für kleine Kinder, die noch fahren lernen. Regeln sind geeignet, um Fähigkeiten weiterzuentwickeln, hat man die entsprechende Fähigkeit entwickelt, ist es Zeit loszulassen und die Fähigkeit zu nutzen, nicht die Regel.

Das Ziel im Visier

Die Drittel-Regel ist für die Fotografierenden als „Schwimmring“ sinnvoll, denen die Fähigkeit fehlt, Motive im Sucher gezielt zu platzieren. Wer also Bilder macht, in denen unbewusst immer das Hauptmotiv in der Bildmitte liegt, der kann sich mit der Drittel-Regel weiterentwickeln. Wer den Umgang mit der Platzierung gelernt hat und bewusst nutzt, der sollte die Regel links liegen lassen oder aufhören sich daran zu halten. Wer sich sein Leben lang strickt an diese Regel hält, der macht etwas falsch (oder ist lernresistent).

mittige Position (mit Zielmarke) von Hauptmotiv (Baum) und Horizont

Die Regel sagt

Die Drittel-Regel besagt, dass man sein Bild gedanklich horizontal und vertikal in jeweils drei gleichgroße Teile gliedert. Horizonte oder ähnliche, dominante Linien sollten dann auf einer der Trennlinien liegen. Hauptmotive werden auf einen der Kreuzungspunkte der Trennlinien platziert.

Aufteilung nach der Drittelregel (Linien)

Aufteilung nach der Drittelregel (Linien)

Warum ist das nützlich?

Das Ganze macht daher Sinn, weil dem Anfänger (der meist sein Hauptmotiv in der Mitte des Bilds platziert) nicht nur einfach gesagt wird „Nimm dein Motiv aus der Mitte“. Das hinterlässt nämlich die Frage „Ja und wohin denn dann damit?“ Um diese Leere zu füllen, werden durch die Regel aus dem einen Punkt für die Platzierung (Mitte) nun vier mögliche Punkte. Für den Anfänger werden die Auswahlmöglichkeiten auf diesem Gebiet so deutlich erhöht und es werden Zielpunkte gegeben. Der Schritt von 1 auf 4 ist meist groß genug, um eine Herausforderung darzustellen und zwingt zur Entscheidung für und gegen bestimmte Punkte. Das ist einfacher als von einem auf unbegrenzt viele Punkte (ohne Zielvorgabe) zu gehen. Bei Einhaltung der Regel wird auf die bewusste Wahl der Platzierung hingewirkt, dass der Fotografierende lernt, diese Wahl bei jedem Bild zu treffen.

Auch bei der Platzierung der Horizontlinie wird auf die bewusste Entscheidung hingewirkt. Soll der Himmel mehr Gewicht bekommen oder der Boden? Unentschlossen setzt der Anfänger den Horizont in die Mitte, so macht er ja „nichts falsch“. Durch die Regel muss er sich aber entscheiden und Schritt für Schritt entwickelt sich eine größere Entscheidungskraft. Mit der Zeit wird er sich bewusster und immer sicherer für die eine oder andere Variante entscheiden können. Und auch hier wird durch die Regel die Auswahl von 1 (Horizont durch die Mitte) auf 2 (oben oder unten) erweitert und mit einem Ziel versehen (eine der Trennlinien).

aus einem Ziel (Mitte) werden 4 (Schnittpunkte nach Drittel-Regel)

aus einem Ziel (Mitte) werden 4 (Schnittpunkte nach Drittel-Regel)

So lernen Menschen

Wenn wir als Anfänger etwas lernen, dann erscheint uns zuerst die unglaubliche Anzahl an Möglichkeiten zu erschlagen. Durch eine Regel wird die Komplexität verringert und wir können zwischen einer übersichtlichen Anzahl an Möglichkeiten wählen. Dadurch bauen wir die Fähigkeiten und Sicherheit auf, die wir später brauchen, um emanzipierte Entscheidungen treffen zu können. Doch irgendwann sind die Lernhilfen (Regeln) keine Hilfen mehr und verhindern genau diese emanzipierte Entscheidung. Als erwachsener Mensch muss ich irgendwann den Schritt machen und nicht mehr das tun, was mir andere vorquatschen, sondern muss als freier Mensch Entscheidungen treffen.

Die vermeintliche Droge

Warum können aber so viele Fotografierer nicht wieder loslassen? Das liegt an der „magischen“ Erfahrung, die sie mit der Drittel-Regel gemacht haben. Zuvor waren die Fotos meist nicht viel anders als Knipsebildchen. Der Horizont läuft durch die Mitte und wenn eine Person im Bild ist, dann ist auch diese genau mittig. Langweilig, unentschlossen, 0815. Doch plötzlich hört man etwas von der Drittel-Regel und wie durch einen Zauber werden die Bilder auf einmal interessanter, weil sie sich vom Laiengeknipse deutlich unterscheiden. Plötzlich stechen die Bilder aus der Masse der unentschlossenen gemachten Fotos heraus. Und wahrscheinlich gibt es auf einmal auch Lob für die Fotos.

Das ist eine Droge, die viele in die Abhängigkeit treibt. Und wer den Entzug nicht schafft, ist fürs Leben gezeichnet. So beginnt eine Überbewertung der Drittel-Regel und die anderen Aspekte des Bildaufbaus treten in den Hintergrund (falls sie überhaupt wahrgenommen werden). Ausgewogenheit zwischen Flächen, Farben und Formen tritt hinter die Drittel-Doktrin zurück oder können dadurch nicht einmal erlernt oder wahrgenommen werden. Die Regel, die ihnen so viel Lob und (falsche) Anerkennung beschert hat, wird aus Dankbarkeit zum alleinigen fotografischen Leitbild erhoben.

fertiges Bild nach Drittel-Regel komponiert

fertiges Bild nach Drittel-Regel komponiert

Die magnetische Mitte

Die Drittel-Regel führt noch auf ein paar andere Dinge hin. Ein Bild mit dem Hauptmotiv nach der Drittel-Regel ausgerichtet ist meist spannungsvoller als ein mittig ausgerichtetes Hauptmotiv. Doch das liegt nicht so sehr an den Dritteln, sondern daran, dass die Mitte immer ein besonderer Punkt ist und alles zur Mitte strebt. Man erreicht diesen Effekt also auch, wenn man das Motiv einfach deutlich dezentral platziert.

Doch wieso strebt alles zu Mitte? Von den Herleitungen über die Gravitation will ich mal absehen, weil ich glaube unser Sehen spielt eine deutlich größere Rolle. Das menschliche Auge kann nur in einem sehr kleinen Punkt wirklich scharf sehen. Wenn wir also ein Motiv haben, das im Bild außerhalb der Mitte liegt, dann muss unser Auge zum Motiv wandern, um es scharf zu sehen. Wir sind uns aber der Begrenzung des Fotos bewusst und um das Foto als Ganzes wahrzunehmen, müssen wir unser Auge über das Bild bewegen. Das Hauptmotiv bekommt dabei die größte Aufmerksamkeit ab (im Idealfall). Kurz gesagt kommt es durch diese Augenbewegungen, die Position des Hauptmotivs und der zentrierten Natur unseres Sehens zur Spannung, wenn das Motiv deutlich außerhalb der Bildmitte liegt. Dazu vielleicht ein anderes Mal mehr (Literaturtipp: „The Power Of The Center“ von Rudolf Arnheim).

Drittel-Regel und der Goldene Schnitt

Es passiert immer wieder, dass aus Unkenntnis zwei Dinge vermischt werden, die nicht zusammen gehören. Ganz klar: Der Goldene Schnitt (Seitenverhältnis 1:1,618) ist etwas anderes als die Drittel-Regel (1:2). Die meisten Fotografierenden, die etwas vom Goldenen Schnitt erzählen würden diesen nicht erkennen können, selbst wenn ihr Leben davon abhinge. Die Drittel-Regel ist eine grobe Näherung des Goldenen Schnitts, die aber immer noch deutlich davon abweicht. Wenn der Goldene Schnitt wirklich so etwas Magisches ist, wie für die Leute, die ihn als heilige Kuh ansehen, wie kann dann eine Abweichung davon noch ok sein? Doch zum Goldenen Schnitt werde ich ein anderes Mal mehr erzählen.

Unterschied Drittel-Regel (rot) und Goldener Schnitt (orange)

Unterschied Drittel-Regel (rot) und Goldener Schnitt (orange)

Mein Leben mit der Drittel-Regel

Als ich anfing mich mit Fotografie näher zu befassen (1995), hat mir mein Gastvater Gabe die Drittel-Regel erklärt. Ab da war ich sehr darauf bedacht, diese Regel einzuhalten – nicht sklavisch, doch recht viele meiner Bilder wurden unter Berücksichtigung der Regel gemacht. Im Laufe der Zeit erkannte ich, dass es sehr langweilig und vorhersehbar wird, wenn alle Fotos nach der Drittel-Regel gemacht werden. Bald fing ich an darauf zu achten, dass diagonale Linien durch die Randpunkte des Drittelrasters (wo eine Trennlinie den Bildrand trifft) und die Ecken des Fotos laufen. Ich schuf mir unbewusst sozusagen neue eigene Varianten der Drittel-Regel.

Nachdem ich viele, viele tausende Fotos nach diesen Regeln gemacht habe, achte ich mittlerweile nicht mehr darauf, ob ich die Vorgaben einhalte. Ich habe für mich soweit gelernt, wie ich mit der Platzierung von Motiv und Linien umzugehen habe, dass ich die Stützräder längst nicht mehr brauche.

Es gibt jedoch Momente und Situationen, wo ich keine starke Meinung zur Positionierung (z.B. Mangel an Zeit) habe und dann wird für das eine oder andere Bild doch mal die alte Regel hervorgekramt und angewendet. Aber das ist eher selten. Und wenn gelegentlich meine Entscheidung von allein auf einen Punkt oder eine Linie fällt, die auch die Drittel-Regel vorschlägt, dann ist das kein Beinbruch. Ich fände es aber beschämend schlimm, wenn sich jemand meine Fotos anschaut und nach einer Weile feststellt, dass ich immer nach Schablone arbeiten würde. Das wäre in meinen Augen eine Bankrotterklärung für jeden, der über das Anfängerlevel der Fotografie hinaus gekommen sein will.

Fazit

Die Drittel-Regel ist eine Lern- und Entscheidungshilfe für denjenigen Fotografierenden, der sich über die Positionierung seiner Motive im Bild noch keine Gedanken gemacht hat. Es ist ein einfaches (aber trügerisches) Mittel, sich aus der Masse der absoluten Anfängerbilder (mit mittigen Motiven und Horizonten) abzuheben. Das im Freundes- und Bekanntenkreis steigende Lob für die Drittel-Bilder ist eine gefährliche Sache, auf der man sich nicht ausruhen sollte. Wer nur mit der Drittel-Regel „gute“ Fotos machen kann, der ist weit entfernt davon sich zu den Fortgeschrittenen seiner Zunft zählen zu können. Wer das auch nicht anstrebt, der kann als fortgeschrittener Anfänger mit der Drittel-Regel sein ganzes Leben glücklich fotografieren. Wer mehr will, muss sich irgendwann von der starren Anwendung der Regel lösen und seinen eigenen Weg finden. Am besten Chancen haben diejenigen, die von Anfang an überprüfen, was die unterschiedlichen Möglichkeiten der Regel in ihren Bildern bewirken.

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Meine Fotos heute …

Heute zeige ich ein paar Bilder vom 7. August. Am Cospudener See war eine tolle Abendstimmung und es war eine recht günstige Wolkenlage – nicht zu viele Wolken, dass kein Sonnenlicht mehr durchkommt, aber auch nicht zu wenige, dass es wirklich interessante Effekte gab. In den letzten Wochen war das der einzige Tag, an dem die Wetterumstände entsprechend gut waren (soweit ich das mitbekommen habe).

Das war einer dieser Abende, wo ich einfach die umwerfende Szenerie genießen konnte – auch wenn klar war, dass kein Foto nur annähernd die Stimmung würde wiedergeben können. Schön, wenn man nebenbei immer mal den Knopf auf dem Kabelauslöser drücken kann und dann einfach tief durchatmen und dem Farbenspiel der untergehenden Sonne mit den Wolken zusehen.

Regelversteher: Horizonte

Donnerstag, 31. März 2011 - Torsten Winkler

Heute möchte ich anfangen, mich an eine erste Fotoregel heranzuarbeiten. Ich habe natürlich keine allumfassende Sichtweise und meine Meinung ist nicht die Richtige oder wertvoller als irgendeine andere Meinung. Auch kann ich nicht dafür garantieren, dass sich mein Standpunkt künftig nicht verändert. Doch ich kann einige Fakten zusammentragen, die meiner Meinung zugrunde liegen. Jeder kann gerne andere Fakten heranziehen und/oder diese anders interpretieren und so eine andere Sichtweise erhalten.

Die Regel für die heutige Betrachtung heißt: „Der Horizont sollte das Bild nicht in der Mitte teilen.“

Ich habe diese Regel ausgewählt, weil ich in einem teilweise großartigen Buch (leider aber auch mit gravierenden Fehlern gespickt) ein Pamphlet dazu gelesen habe. In „The Art of Photography“ schreibt Bruce Barnbaum dazu: „Warum nicht? Es gibt einfach keinen logischen oder visuellen Grund für eine derart unsinnige Regel.“ [von mir ins Deutsche übertragen] Später nennt er sie auch „absurd“ und schimpft auf alles und jeden, der dieser Regel Bedeutung zugesteht. Ich nehme dies nur als Beispiel für die vielen anderen Fotografen, die sich ähnlich äußern. *

Diese Behauptung ist ausgesprochener Unsinn und zeigt wie wenig Ahnung von der Materie die Verfechter dieser Idee haben. Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, die dafür sprechen, den Horizont nicht in der Mitte des Bildes verlaufen zu lassen.

Als erstes hat der Mensch ein sehr gutes Gespür dafür, wie etwas in zwei Hälften geteilt wird. Nahezu jeder kann ein gleichmäßig geformtes Stück (sei es Torte, Papier oder was auch immer) ziemlich genau in 2 gleichgroße Stücke teilen. Rein visuell geht das noch viel einfacher (wenn also keine mangelhafte Motorik im Weg steht). Daher gibt es eine gewisse Resonanz (Verstärkung), wenn wir ein Bild in gleichmäßige Stücke aufteilen.

Als zweites hat ein Mensch, der gerade steht und seinen Kopf gerade hält die Horizontlinie genau in der Mitte (nehmen wir an, er steht auf einer Ebene und nichts verdeckt den Horizont). Diese Szene deutet auf ein eher langweiliges, eintöniges Umfeld hin. Wenn wir uns nun in eine interessante Landschaft stellen (also gerade hinstellen und geradeaus blicken) wird der Horizont das Blickfeld eher nicht in der Mitte teilen, da wir entweder Hügel vor uns haben, oder in einer Mulde stehen oder auf einem Berg etc.

Weiterhin ziehen wir Menschen aus unserem Blickfeld Schlüsse auf unsere Position in der Landschaft und aus dem Verhältnis der aktuellen Körperstellung zu unserer Umwelt. In Standardstellung heißt ein mittiger Horizont: alles normal, nichts Außergewöhnliches liegt vor. Er ist also ein Anzeichen dafür, dass im Moment nichts Interessantes passiert. Alles Standard, alles normal – ergo keine Aufmerksamkeit dafür notwendig.

Das waren die mir bekannten Punkte, die der Horizont aus einer eher biologischer Sicht für uns Menschen bedeutet. Alle deuten darauf hin, dass ein mittiger Horizont eher für langweilig steht. [Es ist ja wohl hoffentlich jedem klar, dass die Horizontlage nicht das einzige ist, was darüber entscheidet, ob ein Bild interessant für uns ist oder nicht. Fotografie ist immer sehr komplex und ein gewisser Aspekt kann nur bedingt separat betrachtet werden.]

Es gibt aber auch fotografische Gesichtspunkte, die den Horizont betreffen. Wenn man in der Standardposition steht und sich die Kamera vors Gesicht hält und fotografiert, landet der Horizont meist genau in der Mitte des Bilds. Für Gelegenheitsknipser und Fotoanfänger ist dies die Normallage des Horizonts. Und der Grund dafür ist, dass darauf nicht geachtet wird.

Nimmt man die durchschnittliche Lage des Horizonts einer großen Anzahl von Bildern, so sollte diese auch in der Mitte liegen [dies ist eine Vermutung meinerseits, die mehr von der mathematischen Wahrscheinlichkeit ausgeht]. Ein Bild mit einem mittigen Horizont führt also zu einem (in diesem Punkt) durchschnittlichen Bild. Der Mensch schenkt dem Durchschnitt aber keine Aufmerksamkeit, sondern wird eher von Ungewöhnlichem angezogen.

Will man sich also vom Anfängerlevel und dem Durchschnitt abheben, so ist die dezentrale Platzierung der Horizontlinie ein Schritt, der zumindest Andersartigkeit demonstriert. Gerade für Anfänger ist es ein leichtes, sich durch diese Regel daran zu gewöhnen, der Position des Horizonts Aufmerksamkeit zu schenken.

Kommen wir zu einem weiteren Punkt, der mir wichtig ist. Ich verfolge die Philosophie, dass der Fotografierende im Idealfall möglichst viele Elemente im Bild unter seiner Kontrolle haben sollte. Er soll klare Entscheidungen treffen – für oder gegen etwas. Die Horizontregel zwingt nun den Anfänger/Unentschlossenen genau zu dieser Entscheidung. Also entweder wird der Horizont weiter oben oder weiter unten platziert – oder entgegen der Regel sogar in der Mitte. Das führt zumindest zu etwas mehr Abwechslung in den Bildern – was für eine Vielzahl von Gelegenheitsknipsern schon ein großer Fortschritt sein kann.

Gerade bei Landschaftsfotos ist diese Entscheidung auch für erfahrene Fotografierer wichtig. In den meisten Fällen muss man sich klar werden – was ist mir wichtig? Die Landschaft mit ihren bodenständigen Elementen (Gewässern, Wiesen, Bäumen, Bodenstrukturen etc.) oder eher der Himmel bzw. das Wetter. Was mehr Raum im Bild bekommt, hat (meist) auch die größere Bedeutung. Zeige ich mehr vom Himmel, dann ist dieser mein Hauptdarsteller. Zeige ich mehr vom Boden, so liegt da auch der Schwerpunkt meiner visuellen Geschichte. In den seltensten Fällen kann es zu einer spannenden, interessanten und trotzdem ausgewogenen Konzentration auf Himmel und Erde kommen. Und in den meisten Fällen deutet dies darauf hin, dass es der Fotografierende selber nicht wusste, was ihm nun wichtiger war. Wie bei einem Vortrag, den der Redner mit den Worten beginnt „ich habe keine Ahnung, von was ich jetzt reden werde“ ist es schwer, einem solchen Bild zu folgen.

Ein „ich konzentriere mich jetzt auf alles“ ist der Beweis, dass man keine Prämissen hat, sich nicht entscheiden kann oder will und kann nichts Großartiges hervorbringen. Wenn man sich ganz bewusst und mit guten Gründen dafür entscheidet z. B. den Horizont in der Mitte des Bildes zu platzieren, dann ist das natürlich voll in Ordnung. Wie ich schon erwähnt habe, spielen viele Dinge zusammen, um ein interessantes Bild entstehen zu lassen. Auch ist in einigen Bildern der Horizont wichtiger als in anderen. Doch in den meisten Fällen ist die Standardperspektive nicht die beste, um jemanden etwas Interessantes zu zeigen.

Aus diesen Gründen ist in meinen Augen die Fotoregel „der Horizont sollte das Bild nicht in der Mitte teilen“ für diejenigen von unschätzbarem Wert, die diesem Aspekt noch keine Bedeutung zugemessen haben. Wessen Fotos fast ausschließlich einen mittigen Horizont aufweisen, der kann sich durch diese Regel an eine neue Dimension in seinen Bildern heranarbeiten. Garantiert die Regel jedoch bessere Fotos? Nicht unbedingt, höchstens unterscheidet man sich von der Masse der Anfängerfotos etwas deutlicher. Und einen eigenen Umgang mit dem Horizont muss man schon selber für sich finden.

* [Übrigens schreibt Barnbaum auch: „Jedes Bild erfordert sein eigenes Regel-Set.“ Und wenige Sätze später widerspricht er sich: „Es gibt keine Regeln!“ Wie bei vielen anderen Fotografen auch ist das einfach nur Schizophren – entweder gibt es Regeln, oder es gibt keine. Hier fehlt die Entschlossenheit bzw. die sinnige, logische Entscheidung.]

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Ich habe mal in meinen alten Fotos herumgekramt, um ein paar Fotos zu finden, in denen der Horizont eine Rolle spielt. Ich tendiere meist dazu, das Hauptaugenmerk auf den Himmel zu legen. Meine Vermutung ist, dass das mit der recht unspannenden Landschaft zu tun hat, in der ich mich meist bewege – in der unmittelbaren Umgebung ist halt alles recht flach.

Da ich kein Landschaftsfotograf bin sind die Beispiele jetzt nicht sonderlich gute Fotos, zeigen aber, wie der Horizontverlauf die Bilder beeinflussen kann. Aber man sieht auch, dass ein mittiger Horizont nicht zwingend stören oder negativ auffallen muss.