In der nächsten Zeit werde ich mich einigen tiefgreifenderen Themen widmen, um meine Ideen um die Fotografie herum zu erklären. Das habe ich schon seit Ewigkeiten geplant, doch irgendwie ist es schwer einen Anfang zu finden. Ich versuche daher diesen langen Weg mit kleinen Schritten zu gehen. Als Einstieg geht es heute um unsere Wahrnehmung, da diese Ideen Grundsteine sind, auf denen vieles weitere aufbaut.
Wie viele Äste hat der Baum?
Stellen wir uns vor eine Wiese und betrachten die Landschaft. Was sehen wir? Bäume, Gras, Himmel. Doch erst wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf einen Bereich der Wiese richten erkennen wir einzelne Grashalme. Erst wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Bäume richten, stellen wir fest wie viele es sind oder zu welcher Art sie gehören. Die Aufmerksamkeit sitzt am Steuer unserer Wahrnehmung.
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viel unsere Augen sehen und wie wenig davon nur im Gehirn ankommt. Wir sehen die ganze Szene vor uns und doch entgeht uns so viel. Wem ist es nicht schon mal passiert, dass man ein Foto gemacht hat und später darin Sachen entdeckt, die man einfach nicht gesehen hat.
Ein Experiment
Einige kennen vielleicht das berühmte Experiment mit zwei Teams in schwarzen und weißen T-Shirts, wo man zählen soll, wie oft sich Team Weiß einen Ball zuspielt. Egal ob man es kennt oder nicht, das Video (Experiment-Video auf YouTube) ist sehr verblüffend. Einfach mal mitmachen.* Daran erkennt man recht schnell, wie die Aufmerksamkeit die Wahrnehmung lenkt.
Ich sehe was, was du nicht siehst …
Auf was sich unsere Aufmerksamkeit richtet hängt unter anderem davon ab, was wir kennen. Je besser wir etwas kennen, umso leichter nehmen wir es wahr. Ich hatte mal eine Freundin, die als Au Pair nach Amerika gegangen ist. Als ich ihr erzählte, dass ich die Unterschiede zwischen den deutschen und amerikanischen Vogelwelten so faszinieren fand kam zur Antwort: „Wir haben hier keine Vögel“. Als ich sie später besuchte konnte ich mich davon überzeugen, dass es sehr wohl eine Unmenge an schönen Vögeln in ihrer Gegend gab.
Besonders viel Aufmerksamkeit richtet sich auf etwas, was uns neu ist und wichtig erscheint. Je wichtiger unser Gehirn dies einstuft, umso mehr Kapazität wird darauf verwendet. Wir haben also auf der einen Seite die Dinge, die uns quasi automatisch und kurz auffallen, weil wir sie gut kennen. Auf der anderen Seite sind die Sachen, die für uns neu und wichtig sind, die viel Aufmerksamkeit benötigen.
Aufmerksamkeit beim Fotografieren
Was lässt sich daraus aber für die Fotografie ableiten? Als Fotografierender muss man auf viele Dinge achten. Wenn man die Kameraeinstellungen nicht aus dem FF beherrscht, richtet man seine Aufmerksamkeit oft darauf – verpasst dann aber den richtigen Moment für ein tolles Foto. Oder wenn man sich nach der Drittelregel richtet und aufpasst, dass das Hauptmotiv im „richtigen“ Punkt liegt, übersieht aber, dass dadurch ein störendes Element im Hintergrund ins Bild kommt. Oder wenn man auf Linien achtet und dadurch die „korrekte“ Belichtung vergisst.
Hier liegt der Schlüssel darin, sich mit den einzelnen Dingen genauestens vertraut zu machen. Dann beim Fotografieren richtet man seine Aufmerksamkeit bewusst oder unbewusst auf die ganze Palette der wichtigen Gegebenheiten. Wer über Jahre an dieser Aufgabe arbeitet (wie immer ein lebenslanger Prozess), der wird immer mehr mitbekommen und auf immer mehr Dinge achten können.
Ich erkenne bei mir schon, dass ich ständig mehr und mehr Sachen wahrnehme wenn ich fotografiere. Ich achte auf immer mehr, was früher völlig außerhalb meiner Wahrnehmung lag. Dafür werden die Sachen, auf die ich schon seit Jahren achte, immer automatisierter. Oft stelle ich z.B. fest, dass ich Linien und Objekte, ohne das es mir bewusst war, „treffend“ angeordnet habe. Ich glaube im Laufe der Zeit wird die Wahrnehmung immer größer. Man bekommt mehr mit, weil man für vieles nur noch einen Bruchteil der Aufmerksamkeit braucht. Diese kann sich dann auf anderes richten.
Übung macht den Meister
Wer Lust hat kann es ja mal ausprobieren. Man nehme sich einen fotografischen Aspekt, den man noch nicht beherrscht. Für viele könnte es ein wirklich waagerechter Horizont sein, oder wenn man Menschen fotografiert, dass keine Gegenstände aus ihren Köpfen „wachsen“ (Verkehrsschilder, Lampen, Bäume etc.). Wenn man seine Aufmerksamkeit darauf lenkt, nimmt man plötzlich wahr, was man vorher nicht gesehen hat. Und man wird feststellen, dass man plötzlich vielleicht andere Dinge übersieht, weil man sich zu sehr auf eine Sache konzentriert hat.
Durch regelmäßiges Üben, die Aufmerksamkeit auf die Dinge zu richten, die man beachten will wird aus der anfänglich komplizierten Aufgabe eine immer einfachere Übung, die bald in Fleisch und Blut übergeht. Lange genug geübt bekommt man es überhaupt nicht mehr mit, dass man entsprechend aufpasst. Trotz allem braucht man dafür einen wachen Geist, doch dazu vielleicht ein anderes Mal mehr …
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Meine Fotos heute …
Als ich am Sonnabend munter wurde, roch die Luft so herrlich und die Sonne schien und mir kribbelte es in allen Knochen. Es war noch früh und da konnte ich mich nicht mehr halten – ab aufs Rad und raus in die Natur.
Bei meiner Tour kam ich an einer Wiese vorbei, die mir zuzwinkerte. Einen kurzen internen Dialog später hatte sich die Seite durchgesetzt, die davon überzeugt war, dass es doch nicht schaden könne anzuhalten und zu fotografieren. Bald darauf hüpfte ich mit meiner Kamera von Halm zu Halm.
Einer meiner ersten Gedanken war, dass ich in Schwarzweiß fotografieren muss, um die Strukturen der Wiese hervorzuheben. Meine ursprüngliche Prävisualisierung der Ergebnisse konnte ich nicht ganz erreichen, doch die folgenden Fotos finde ich trotzdem interessant.
Die Nr. 4 kommt meiner ersten Idee am nächsten. Beim Experimentieren mit unterschiedlichen Perspektiven kamen dann auch die Gegenlichtbilder (7 und 8) zustande, die mich selbst in Schwarzweiß faszinieren. Das hat mich dann doch überrascht, weil ich erst glaubte, dass die farbigen Lichtreflexe das Motiv tragen würden.
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* Kurze Auflösung: Während man sich auf die Aufgabe zu Zählen konzentriert, läuft ein Typ in einem Gorillakostüm durchs Bild. Mehr als die Hälfte aller Experimentteilnehmer bekommt dies nicht mit. Und wer das Experiment schon kennt, sieht natürlich den Gorilla. Doch hat man auch mitbekommen, dass der Vorhang im Hintergrund die Farbe wechselt? Oder dass ein Mitglied aus Team Schwarz das Spiel verlässt? Wenn man seine Aufmerksamkeit auf eine Sache richtet, geht im Umfeld vieles unter.